Quelle: Mainpost, Regionalteil Kitzingen
Bio-Gärtnerei in Schwarzach begegnet der allgemeinen Verunsicherung mit Artenvielfalt
Ausgerechnet die Bio-Bauern. Ausgerechnet sie gerieten in Verdacht. Oder besser gesagt: Ihre Gurken, weil die angeblich mit Gülle gedüngt würden. Und in der Gülle lauert er, der EHEC-Erreger. Als Veit Plietz von diesem Verdacht hörte, fiel er aus allen Wolken: Wer auch immer auf die Geschichte mit der Gülle gekommen war – er konnte nur aus dem Tal der Ahnungslosen stammen.
Gülle und Gemüse schließen sich aus: „Das ist gar nicht zugelassen“, betont Plietz, der seit 28 Jahren eine Demeter-Gärtnerei in Stadtschwarzach betreibt und damit so etwas wie ein Bio-Pionier ist.
Der böse Gülle-Verdacht erledigte sich zwar bald ebenso wie die Meldung, der Erreger stamme von spanischen Gurken. Was blieb, ist eine tief greifende Verunsicherung der Verbraucher. Samt eines geradezu panischen Blicks auf die Gurke, die plötzlich zum Feindbild geraten war. Mitunter sogar zur Waffe. Wie auf jener Karikatur, die einen Ladenüberfall zeigt, bei dem der Gauner statt mit einer Waffe mit einer Gurke droht.
Lachen kann Veit Plietz über so etwas nicht wirklich. Weil jetzt vielerorts wahrscheinlich ein Großteil der Gurken-Ernte vernichtet werden muss – wegen eines abwegigen Verdachts.
Mann der ersten Öko-Stunde
Der Mann der ersten Öko-Stunde
(„Wir arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen!“) hofft jetzt auf zweierlei: Dass die Ursache für den Erreger, der ganz Deutschland verrückt macht, bald gefunden wird. Und dass die Verbraucher künftig genauer hinschauen: „Das ist auch eine Chance für Besinnung!“ Vielleicht, so die stille Hoffnung, machen sich die Verbraucher verstärkt die Mühe, direkt beim Erzeuger vorbeizuschauen, um Informationen aus erster Gärtnerhand zu bekommen.
So wie am morgigen Samstag, wenn es in dem Schwarzacher Ökobetrieb eine ungewöhnliche Hofführung gibt. Gezeigt werden Gemüse-Raritäten. Wobei sich das mit den Raritäten auch und gerade auf die schlagzeilenträchtige Gurke bezieht.
Vielfalt durch Raritäten – das ist etwas, was man bei ökologischem Anbau erwarten darf. Zumindest bei Veit Plietz, wo das Ungewöhnliche längst zur Marke avancierte. Beispielsweise fing Plietz vor einigen Jahren an, alte Tomatensorten neu zu entdecken. Inzwischen hat sich die Sache verselbstständigt, angebaut werden heuer gut 200 verschiedene Tomatensorten. Darunter Gebilde, bei denen man sich schwer tut, sie überhaupt als Tomaten zu identifizieren.
Nicht jede Gurke ist sofort als Gurke zu erkennen
In diesem Sommer springt dieser Artenreichtum auch auf die Gurke über. Was mit sieben, acht Sorten begann, erreicht inzwischen die stolze Zahl 30. Auch hier gilt: So manches wird nicht unbedingt sofort als Gurke zu erkennen sein.
Auch wenn es gerade irgendwie gar nicht in die Zeit zu passen scheint, verfährt Veit Plietz nach dem Jetzt-erst-recht-Prinzip und freut sich schon jetzt auf die in wenigen Wochen beginnende Ernte. Dann wird er Früchte pflücken, die beispielsweise Ei des Drachen heißen und so gar nicht der Lang-und-grün-Vorstellung entsprechen. Weiß und rund, höckrig, gelb oder gestreift – die Schwarzacher Gurkenvielfalt hat viele Gesichter. Und viele Größen: Von drei Zentimetern bis zu einem Meter ist alles drin. Die wahre Größe erlangen die Gurken allerdings erst, wenn sie wieder aus den Negativ-Schlagzeilen samt seltsamer Karikaturen kommen.
Quelle: Mainpost, Regionalteil Kitzingen